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Kämpfen um zu Überleben-Von Derya Tahir

Kämpfen um zu Überleben

Auszug aus dem Leben der Guerillas

Von Derya Tahir

Sie hatten die härteste und intensivste Periode des seit 11 Jahren andauernden aktiven Guerillakampfes durchlebt. Im Jahr 1994 hatte die türkische Regierung einen intensiven und totalen Angriff gestartet. Erst wurden Entlassungen der Soldaten gestoppt, dann begann im Herbst 93 ein intensiver Angriff auf die Bevölkerung, es war, als ob Kurdistan erneut besetzt worden wäre. Tausende Menschen wurden festgenommen, gefoltert und Blutbäder fanden statt. Die Gruppe Tansu Ciller – Dogan Güres – Mehmet Agar hatte einen fast römischen Feldzug begonnen. Alles Leben sollte in Kurdistan ausgelöscht werden. Das wurde von den im Krieg aktiven Kommandanten täglich als Befehl über Funk durchgegeben: “Die römische Operation muss durchgeführt werden! Kein Lebewesen darf überleben!”. Die ersten Operationen wurden von paramilitärischen Einheiten am 1.März auf der Igdirseite des Ararats begonnen. Die so genannte Serhat-Provinz, die nördlichste Spitze Kurdistans, war geographisch und klimatisch für die Guerilla ungünstig. Einige hundert Guerilleros leisteten monatelang unter schweren Wetterbedingungen gegen zehntausend Militärs und ihre Waffen, Flugzeuge, Panzer und technischen Ausrüstung heldenhaft Widerstand. Die Guerillakräfte, von denen behauptet wurde, dass sie nur einige Monate existieren würden, mussten von Zeit zu Zeit einige Opfer lassen, aber die Verluste des Feindes mit hunderten Soldaten waren erheblich höher. Die Operationen wurden bis zum Herbst fortgesetzt, ohne eine Sommerpause.

Es war niemandem gelungen, sie aus dem Herzen ihres Landes und des Volkes zu entfernen. Die Dörfer, die am Fuße des Ararat lagen, wurden zerstört und niedergebrannt und der Ararat wurde auf Befehl des Generalstabes zur verbotenen Zone ausgerufen. Die um den Berg stationierten und mit Laser ausgestatteten Panzer sollten auf alles Leben, das dort gesichtet wird ohne Vorwarnung feuern. Dies war ein Befehl.

In diesem Jahr wurden einige Hirten und hunderte ihrer Schafe, die sie weiden ließen, Opfer dieser Panzer. Die Guerillagruppe, die das ganze Jahr auf dem Ararat gekämpft hatte, hatte in den letzten drei bis vier Monaten sehr viele erfolgreiche Operationen verkündet und nur einen Märtyrer verloren. Die Gruppenleitung hatte entschieden, im Winter in Ostkurdistan aktiv zu sein, deshalb musste das Gebiet verlassen werden. Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen. Es musste eine Strecke in einer Nacht geschafft werden, die sonst in zwei Nächten zurückgelegt wird. Es wäre nicht sicher gewesen, eine Zwischenstation einzulegen. Das letzte Mahl wurde eingenommen und die letzten Tänze beendet. Mit der Begeisterung, als ob sie in einen Kampf zögen, brachen sie auf. Es wurde ein schnelles Tempo angeschlagen. Die Gruppe kam schneller voran als erhofft.

Durch die Dunkelheit und den Nebel kam die Gruppe in südlicher Richtung von der eigentlichen Route ab, als sie sich der Grenze näherte. Nach einer Weile geriet sie in einen Panzerhinterhalt. In einer Ebene verteilten sie sich in verschiedene Richtungen und entkamen so einer Hinrichtung. Die Gruppe hatte drei Märtyrer und zwei Verletzte. Sie wurden schon auf größere Entfernung durch eine Infrarotkamera aufgespürt. Eine Weiterreise war nicht mehr möglich. Sie mussten schnell zurück gehen, um die strategischen Punkte der Berggebiete zu erreichen.

Höchst wahrscheinlich würde morgen eine Operation beginnen. In der übrigen Zeit der Nacht musste die Strecke über die Bergebene zurückgelegt werden. Eine Gruppe hatte kehrt gemacht, die zweite Gruppe war bemüht, sich unter dem Feuer der Panzer zum Fuß der Berge zurück zu ziehen, wo sie besser die Angriffe erwidern könnten. Sie hatten einen langen Weg vor sich.

Um dem Feuer der Panzer besser zu entkommen bewegten sie sich an der Schlucht entlang. Der von einem Schrapnell verletzte Freund Zinar hatte durch die tiefe Wunde sehr viel Blut verloren, deshalb kamen sie nur sehr langsam voran. Bei Tagesanbruch hatten sie das Ziel nicht erreicht und mussten sich ein sicheres Versteck suchen, um sich zu schützen. In ihrer Nähe war ein “Axure” Radar, dass von einer Kolonne Soldaten überwacht wurde. Es konnte nichts unternommen werden. Der Guerillakommandant verfolgte einerseits die Funkgespräche und Aktionen des Feindes und beobachtete andererseits unauffällig das Gebiet mit dem Fernglas. Die Soldaten befanden sich am Anfang des mit Schnee bedeckten Gebietes.

Am Abhang, wo kein Schnee lag, führten kleine Bäche entlang, die an der unteren Ebene des Berges endeten. Wenn sie weiter gehen würden stünden sie dem Wachposten gegenüber. Schon morgens in aller Frühe waren die feindlichen Gruppen aufgebrochen. Das Gebiet, in dem sie in den Hinterhalt geführt worden waren, wurde von Hundertschaften des Militärs durchkämmt.

Höchst wahrscheinlich würden sie heute früher oder später in ein Gefecht geraten, denn die aktiven Handlungen ließen darauf schließen. Der Guerillakommandant schaute umher. Er überlegte wie er das Leben seiner Genossen retten könnte. Er sah seine schlafenden Genossen. Sie, die ermüdeten Kämpfer mit den Rucksäcken auf den Rücken, die sie nicht abgelegt hatten, lehnten sich an den Hang und schliefen. Einen Augenblick lang sah er seine Genossen erschossen dort liegen. Nein!!! Er musste sie lebend bei der Partei abgeben.

Gegen 9.00 Uhr kam Bewegung in die Aktion. Der Kommandant bemerkte am Fuß des kleinen Ararats eine feindliche Einheit im Anmarsch. In der Zwischenzeit hatte sich ein Soldat der “Axure” Wache von seiner Gruppe getrennt und ging Richtung Ararat. Von beiden Seiten versuchte der Feind ausfindig zu machen, ob die Guerilla schon auf dem Berg ist oder nicht, um sie in ihrer Mitte einzukesseln. Die Spuren waren noch nicht am Araratberg sichtbar. Deshalb lag es nahe, dass die Gruppe sich noch unten befand. Die Soldaten bildeten einen Halbkreis und kamen so den Berg herunter. Sie befanden sich ca. 1,5 km von der Guerillagruppe entfernt. Spätestens nach 20–25 Min. war ein Zusammenstoß unumgänglich.

In der Zwischenzeit war die Guerillagruppe aufgewacht und schaute zwischen dem halb trockenen Gras und Schnee zu, wie die Soldaten in ihre Richtung marschierten. Es war 11.00 Uhr. Sechs Stunden würden sie in diesem Gebiet einen Kampf um Leben oder Tod ausfechten.

Die Guerilleros waren 100 m bergab gegangen, wo weniger Schnee lag, mehr Gras wuchs und dort begannen sie auf die Soldaten zu warten. Die Silhouette der Soldaten wurde immer deutlicher. Als die Soldaten der ersten Reihe sich bis auf 30 m genähert hatten, legten die Guerilleros ihre Finger an die Abzüge ihrer Waffen und drückten ab. Die Soldaten der vorderen Reihe wurden getroffen, fielen um und die anderen waren aus dem Blickfeld verschwunden. Sie konnten ihr Umfeld nicht deutlich erkennen. Auf einmal flogen die Patronen der feindlichen Waffen über sie hinweg.

Die an beiden Seiten des kleinen Baches in Stellung gegangenen Guerilleros deckten sich gegenseitig gegen den Feind. Ihr einziges Ziel war es, bis in die Dunkelheit zu kämpfen, um ihr Leben retten zu können. Die anderen an der Operation beteiligten Soldaten änderten ihre Richtung und näherten sich dem Operationspunkt. Ömer, der sich beim Kommandanten befand rief ihm zu”: Lasst uns heldenhaft Widerstand leisten”. Der Kommandant antwortete nicht. Als der Feind versuchte, sie weiter einzukesseln, kämpfte die Guerilla dagegen an, um es zu verhindern. Im Grunde hat in diesem Augenblick keiner viel nachgedacht. Vielleicht war dieses ihr letzter Kampf. Die feindliche Truppe von unten kam immer näher und ging an einem kleinen Bergrücken in Stellung.

Die Soldaten bewegten sich bergauf und bergab. Die von oben herunter kommenden Soldaten verwechselten für einen Augenblick die sich an dem Bergrücken verschanzten Soldaten mit den Guerilleros und eröffneten das Feuer auf sie. Die feindlichen Kräfte erschossen sich gegenseitig. Diese Verwechslung diente der Guerillagruppe als Zeitgewinn. Es war inzwischen schon dunkel und sie hatten keine Verluste erlitten. Aber wie konnten sie die feindliche Einkesselung durchbrechen?

Dem Kommandanten fiel auf, dass die Soldaten die auf sie zukamen keine Parka oder Militärmäntel trugen. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und er wendete sich Ömer zu. Entweder die Soldaten hielten in der Kälte nicht mehr durch oder die Guerillagruppe musste die Einkesselung durchbrechen.

Die seit Stunden auf Schnee verschanzten Soldaten versuchten das trockene Gras anzuzünden, um sich daran zu wärmen. Dies ging aus dem empor steigenden Rauch hervor. Der Kommandant forderte einen jungen Guerillero namens Rencber auf, sofort trockenes Gras zu sammeln und damit Feuer anzuzünden. Die Intensität des Gefechtes nahm ab. Die Nacht brach an und jeder wartete auf den Augenblick des Höhepunktes. Als die Dunkelheit anbrach versammelten sich alle Guerilleros an einem Punkt. Alle Augen waren auf den Kommandanten gerichtet. Da der Abstand zu den Soldaten oben nur 30 m betrug, musste sich flüsternd unterhalten werden. Serhat fragte an den Kommandanten gerichtet: “Was sollen wir tun?”. Als die Antwort: “ Wir werden schlafen!” lautete, waren alle sehr verwundert. Wie hätten sie nur schlafen können? Dann beugte sich der Kommandant nach vorne und schilderte allen flüsternd seinen Plan. Alle waren mit dem Plan einverstanden. Die Wachposten wurden verteilt. Der Feind schoß in Abständen.

Die Guerilleros schliefen auf dem Schnee. Um 20:30 Uhr weckten sie sich gegenseitig. Jetzt waren sie bereit aufzubrechen. Die 30 m von ihnen entfernten Stellungen waren ihr erstes Ziel. In Richtung feindlicher Stellung begann vorsichtig der Vormarsch. Der Weg dorthin dauerte eine Minute. Diese Minute füllte jeden Lebensabschnitt. Sie waren an der Grenze von Leben und Tod. Bei den feindlichen Stellungen angekommen bemerkten sie, dass sie leer waren. Alle Guerilleros waren sehr verwundert. Der aus Malazgirt stammende junge Mahir dreht sich voller Freude daüber, wiedergeboren zu sein, zum Kommandanten und sagte: “Du bist ein Prophet.” Der Kommandant sagte nichts, sondern hob seine Hand und berührte seine Schulter.

Die Freude darüber, sich mit dem Leben wieder zu vereinen, löste in ihnen Begeisterung aus. Sie führten auf dem hart gewordenen Schnee ihren Weg fort, um sich im Herzen des Ararat niederzulegen.
Wieder haben sie gesiegt, die Guerilleros. Sie haben dem Leben ihren Willen gezeigt, obwohl sie fast am Nullpunkt des Lebens angelangt waren.

           


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