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Wär
ich der schwebende Falke
Aus dem Tagebuch von Gurbetelli Ersöz, Teil IV
Mit dem vierten
Abdruck aus dem Tagebuch von Gurbetelli Ersöz beenden wir im
Kurdistan Report dessen teilweise Veröffentlichung in deutscher
Sprache. Es wird aber an dieser Stelle auch in Zukunft weitere
Veröffentlichungen von Tagebüchern aus dem Leben der Guerilla geben.
Sie sind eine Möglichkeit, das Fühlen und Denken der KämpferInnen in
den Bergen besser zu verstehen. Die Tagebücher, die in den Reihen
der Guerilla sehr zahlreich produziert werden, sind ein großer
Schatz, den es gilt, interessierten Menschen zugänglich zu machen.
"Jedes
Dorf hat einen Verrückten" – Cektar
Ich weiß nicht viel
über ihn und seine Vergangenheit. Er war meistens in Botan im Krieg.
Er hat viele Tote gesehen, dies hat ihn belastet und er wurde zum
Verrückten von Boti. Er liest viel, redet zu sich selbst, macht
verrückte Sachen, aber er arbeitet gut. Er ist körperlich kräftig.
Er nimmt am Unterricht teil, aber stellt zu den unmöglichsten
Momenten die unmöglichsten Fragen, gibt unmögliche Antworten oder
bringt die Leute durch seine Bewertungen zum Lachen. Das, über das
wir da lachen, ist ein Teil unserer Realität, aber wir merken es
nicht. Die, die durch den Krieg belastet sind, werden die Realität
nicht verkraften. Was soll man machen? Ich glaube, daß er irgendwann
wieder gesund wird. Wenn er Liebe und Aufmerksamkeit erlebt, wenn er
versteht, was durch diesen Krieg gewonnen wurde.
"Nachtblinde, die
Blinden, Blinde?"
Eine der negativen
Aspekte des Krieges sind seine Krankheiten. Die Ängstlichen ziehen
diese Nummer ab. Manche machen das über Jahre hinweg, und wenn sie
sich dann gefestigt haben, hören sie auf, ... manche machen weiter.
Sie verlassen die Partei nicht, sie ziehen von Camp zu Camp.
Manchmal werden sie auch mit den wirklich Kranken verwechselt. Eine
dieser Personen ist die Freundin Nahrin. Sie ist eine Tori, aus
Mardin, die Tochter eines Milizen und seit vier Jahren dabei. Es
fällt ihr schwer. Wenn sie es auch nicht eingesteht, so war sie doch
unentschlossen. Sie ist immer in den Lagern, hat Schwierigkeiten zu
verstehen. Sogar bei Mondschein läuft sie mit einer Taschenlampe und
stemmt sich dagegen, in den Kampf zu gehen.
"Megde
Tirs"
Ich sitze vorne. Mit
kurdischer Übersetzung geht der Unterricht weiter. Ich schaue mir
die Freunde an, einige schauen sauer, sauer auf die Welt und das
Leben. Man sagt auch "Megde Tirs" ("saurer Magen"; Anm. d. Übers.).
Eine von ihnen ist eine Freundin namens Pervin aus Serhat. Sie ist
seit fünf Jahren dabei: eine echte Frau, jetzt, nachdem wir uns mit
ihr beschäftigt haben, hat sie zumindest etwas Wille, sich zu ändern,
aber sie ist labil. Sie liegt alle zwei Tage im Bett, weil sie krank
ist. Sie ist sauer, weil ich sie aufgefordert habe, zur Schulung zu
kommen; sie sitzt verdrossen da. Vielleicht verflucht sie mich
innerlich. Sie hat nichts von der Widerstandskraft der Frauen aus
Serhat, sondern die gefallene Persönlichkeit einer Frau. So wie es
aussieht, werden wir uns mit ihr noch viel beschäftigen müssen.
"Krankheitenmosaik"
Wenn ich die seelisch
zerbrochenen Kranken sehe, vergesse ich meine eigenen Krankheiten.
Ich sage zu den Freunden: "Wenn wir in Sachen Krankheiten
wettstreiten würden, würde ich gewinnen". Eine vom Gehirn ausgehende
Augenkrankheit, Rheuma, Leber, Hepatitis B, Forangitis, manchmal
Allergien, Weitung der Gebärmuttermuskeln, Trägheit der
Schulternerven durch die Folter, Magen, Rückenschmerzen und
Stimmungsschwan- kung und Neigung zu Verschlossenheit. Aber ich
werde kräftiger.
"Wär
ich der schwebende Falke"
Er schwebt, gleitet
majestätisch dahin und erhebt sich plötzlich, öffnet seine Flügel
und erhebt sich von neuem, erhebt sich plötzlich wieder von dem Baum,
auf dem er verschwunden war, von dem Felsen, auf dem er gelandet war.
Während ich hier beim Unterricht sitze, richtet sich meine
Aufmerksamkeit auf den Falken, der über dem Felsen gegenüber schwebt.
Vielleicht ist es kein Falke, sondern ein ähnlicher Vogel, aber er
erinnert mich daran. Ich beneide den Falken. Ich möchte wie er
gleiten, jagend nach Amed, auf dem Hügel des Kospi landen, den Fluß
Murat entlang in die Munzur-Berge, in die Sereftin-Berge schweben.
"Sawa,
lieber Saboteur"
Leise Laute "hic, hic",
und alle Aufmerksamkeit geht in diese Richtung. In den trockenen
Eichenblättern und beim Springen über die Äste macht er Krach,
spielt, wird gesucht, hüpft und verschwindet. Am nächsten Tag: sie
wollen unbedingt diskutieren, mit glühenden Blicken bitten sie,
reden zu können; es bleibt keine andere Wahl als militärische
Disziplin, endlich Ruhe(...) die dann durch wundersame Töne
sabotiert wird. Alles schaut zur Seite. Diesmal sind es nicht ein,
sondern zwei Eichhörnchen, die da spielen oder sich lieben und dabei
Krach machen. Dann verschwinden die Saboteure.
"Das
Fahnen-Syndrom"
Seitdem auf dem HADEP-Kongreß
die türkische Fahne abgenommen und die ERNK-Fahne aufgehängt wurde,
ist die Türkei durchgedreht, speiht Feuer. Fast 70 Parteimitglieder,
unter ihnen Murat Bozlak und Sirri Sakik, wurden festgenommen. Das
Volk wird angegriffen, auf offener Straße wurden drei Menschen
ermordet. Der als der angebliche "Fahnen-Terrorist" gefaßte,
angehende Student Veysel, der gerade in der Aufnahmeprüfung für die
Uni stand, zog, als man ihn verhaftete, die Angriffe der Polizei auf
eine weißgekleidete Frau, mit Pagenkopf, mit Rock und Blouson. Die
Frau kann sich aus den Händen der Polizei befreien und rennt mit
ihren hohen Schuhen, fällt hin, steht auf, rennt. Faschisten,
Polizisten, gekaufte Arbeiter demonstrieren mit Fahnen in der Hand.
Die Wölfe suchen Aas, Delagur speit Feuer. Delagur Tansu Ciller. (Anmerkung
d. Ü.: "Delagur" ist im nationalen Mythos der Wolf, von dem die
Türken abstammen.) Den Namen hat ihr Abdül Melik Firat gegeben,
(...) das paßt. Wenn die Menschen Brüder sind, sind auch die Farben
Brüder.
"Das
71. Jahr"
Das 71. Jahr seit Seyh
Saits Hinrichtung. Heute beginnt das 72. Jahr. Es wurde viel über
die Massaker und den Widerstand geredet. Seine Enkel haben zu den
Waffen gegriffen, haben die Freiheit zu lieben begonnen und sind wie
er "Nemir" (unsterblich) geworden. Auch mich hat das sehr beeinflußt,
als ich noch klein war, sogar bis heute noch. In der Stiftung, die
'93 in Istanbul unter seinem Namen gegründet werden sollte, war ich
Mitglied und zweite Vorsitzende. Der Staat erlaubte es nicht, wir
wollten weitermachen und ich kam hierher. Abdül Melik Firat erzählt
Einzelheiten in MED-TV. Ein gelehrter, kämpferischer und
patriotischer Mensch. Ich habe großen Respekt vor ihm. Als ich zum
erstenmal zum TBMM (türkisches Parlament) ging, war es, um ihn zu
besuchen, auch in seinem Appartement. Man kann sich ewig mit ihm
unterhalten. Ich hoffe, daß er das, was er erlebt hat, aufschreibt.
Ich hoffe, er hat es nicht versäumt, darüber zu schreiben. Er kennt
die Häßlichkeiten, die Massaker, die Unmenschlichkeiten dieses
Staates sehr gut. Bis ins Innerste. Nach Agirs Tod hat er für mich
wegen meinen Onkeln Mustafa und Fevzi beim
Ausnahmezustandsgouverneur Inal Erkan angerufen, obwohl das sein
Stolz eigentlich nicht zuläßt. Und Erkan sagte: "Diese Ärzte sind
gekommen, um der PKK ein Krankenhaus zu bauen."
"Die
Geschichte beginnt mit den Sumerern"
Sammel Noha Kramer
schreibt über die Zeit 3.600 vor Christus, über ein Reich, das vor
5.000 Jahren existierte, das der Sumerer. Interessant. Ich kann
meinem Vater, der sich sehr für Geschichte interessiert, dieses Buch
nur empfehlen. Er sollte es lesen.
Die Geographie von Sumer:
Ab dem 33. Breitengrad
bis zum Golf im Iran. Kurz: das Gebiet zwischen Tigris und Euphrat.
Nördlich des 33. Breitengrades zwischen zwei Flüssen das Gebiet der
Uri, das später die Staaten Asur und Akad bildet. Sumer, im Osten
von Uri, das zweifellos einen großen Teil des West-Irans
einnehmenden Gebietes Subur-Aamazi. Im Westen Sumers und im Süd-Westen,
zwischen Firat und Mittelmeer bis ins heutige Arabien ausgebreitet:
Das Land Martu.
Einige Sprichwörter aus den alten Erzählungen:
Eine
verschwenderische Frau im Haus bringt zu den Sorgen Krankheit.
Aus Lust:
Heiraten. Nach Überlegung: Scheidung
Bevor man den
Fuchs gesehen hat, muß man für seinen Hals ein Halsband machen.
Ich bin an einem
schlechten Tag geboren. (Die Schuld für seine Mißerfolge dem
Schicksal zuschreiben).
Wenn sie dich
ins Wasser stecken, fängt es an zu stinken. Stecken sie dich in den
Garten, fangen die Früchte an zu faulen. (Für die Erfolglosen)
Für einen Armen
ist es besser, tot zu sein als lebend: Wenn er Brot hat, fehlt das
Salz. Hat er Salz, ist kein Brot da. Hat er Fleisch, hat er keinen
Senf, hat er Senf, hat er kein Fleisch.
Wer in seinem
Leben noch nie auf eine Frau oder ein Kind aufgepaßt hat, hat noch
nie einen Ring in der Nase gehabt.
Die Römer
sagten: "Wer Frieden will, bereite den Krieg vor."
Die Sumerer
sagten: "Ein Staat mit einer schwachen Armee kann seine Feinde nicht
verjagen."
"Ezopika" - die Tiere der Fabel:
Neben dem Fuchs
stand ein Stock, der sagt:" Gegen wen kann ich streiten?" Der Fuchs
fletscht die Zähne, aber sein Kopf zittert.
Eine Katze für
die Gedanken. Eine Maus für die Bewegungen.
(Eine Katze
beobachtet ihre Beute geduldig, um dann wie ein Blitz über ihr Opfer
herzufallen)
"Reiche
Guerilla, Guerilla und Privatsachen"
Die Anzahl persönlicher
Dinge eines Guerilla ist beschränkt. Außer der Waffenausrüstung:
Kleidung, Wollstrümpfe, Fotos, Radio, Uhr, Heft, Stift, Spiegel,
Kamm, ein kleiner Rucksack, Nagelschere, Feuerzeug, eine kleine
Schere, Nadel und Faden, eine kleine Taschenlampe, Tespih (Gebetskette),
Schweizer Messer, Taschentuch ... Das ist ein reicher Guerilla. Arme
Guerillas haben nur ihre Waffe, Kleidung und Schuhe.
Das Interessante daran
ist, daß alle diese Gegenstände aus einer anderen Stadt oder sogar
einem anderen Land stammen und meistens durch die Erinnerungen, die
sie mit sich tragen, einen hohen ideellen Wert haben. Manche haben
mehr, manche weniger, aber die Westentaschen sind dick von diesen
Gegenständen, die man als privat bezeichnen kann. Sie werden gut
versteckt, damit sie nicht verloren gehen. Es gibt auch Freunde, die
in ihrer Waffenausrüstung Pistolen, ja sogar "persönliche Bomben",
die von gefallenen Genossen hinterlassen wurden, oder kleine
Ferngläser haben.
Als Beispiel meine
Sachen: Das Schreibheft. (Als der kleine Agit kam, konnte er es
nicht tragen, hat sich aber geschämt, das zuzugeben und gab es mir
zum Schreiben. Ein schönes Heft, das in Deutschland hergestellt
wurde. Viele wollten es haben, aber ich hab es nicht abgegeben.)
Ein Tuch: blau,
gemustert, ...das einzige Geschenk meiner lieben Mutter.
Ein Stift: ein
Geschenk von Rewsen, das in Deutschland hergestellt ist. Es muß aus
einer Warenprobe eines Medikaments namens Rosenbach sein. Ein
schöner, grün-weißer Stift, den ich verwahren werde.
Ein Spiegel: Ein
Geschenk von Rewsen aus Deutschland. Muß sechs DM gekostet haben.
Ein Kamm:
Schwarz, nur noch die Hälfte. Er ist noch aus der Zeit der Zentralen
Parteischule; ich werde ihn bei mir tragen.
Ein Armband:
Gold. Das hat mir am 14 Juni 1994 eine Freundin namens Servin aus
Pinar in Istanbul im Namen aller Freunde gegeben.
Fotos: Vom 15.
Dezember 1994, seit ich zur Parteischule ging, bis jetzt,
...entweder selbst aufgenommen oder Fotos von Freunden. Meine
anderen Fotos sind z.T. zu Hause, zum Teil im Archiv in Europa.
Ein Fotoapparat:
Eine einfache Automatik-Kamera, die mir ein Freund im ZAP geschenkt
hat.
Eine Pinzette:
in Adana gekauft, die mir die Freundin Evin aus dem Süden gegeben
hat, als sie zuletzt hier war.
Ringe: Einer von
meiner inzwischen verstorbenen Tante, die Agir sehr mochte, der
andere ein Geschenk von Rewsen aus Silber- ein Andenken.
Ein Feuerzeug:
ein Geschenk von Rewsen, das ich nicht benutze.
Ein kleines
Schreibetui. Mein Radio, die Uhr usw. habe ich den Freunden im ZAP
gegeben, weil ich annahm, das es das hier gäbe. Aber leider gibt es
das nicht und jetzt trage ich die Uhr von anderen Freunden.
Meine Waffen
habe ich Rewsen gegeben. Die Waffe Sixo: Hat mir Dr. Süleyman
gegeben und hat deshalb ideellen Wert für mich. Ich trage sie bei
mir, weil es Agirs Waffe ist und weil sie Diyarbakir gesehen hat.
Ich habe noch einen Stift, zwar ohne Mine, aber mit vielen
Erinnerungen.
Die Freundin Rewsen: Ich habe Nachricht von ihr. Sie soll in Gare
die Presseeinheit leiten.
"Maulbeerbaum"
Ich erinnere mich an
die Maulbeeren im Dorf Ziver. Der Most, die Fladen, getrocknet, "Würste"
usw. Unten soll es einen Maulbeerbaum geben. Ich gehe in 23 Tagen.
Hoffentlich gibt es darunter nur 3-4 ausgetrocknete, ich pflücke und
esse sie. Das erinnert mich daran, wie ich als Kind mit einer Schale
in der Hand Maulbeeren pflückte. Ich denke an Yenge Arun, Yenge
Sora, Bahce Garzur. Die schönen Maulbeerbäume.
"Ein
Stück Ziver"
Den schönsten Ort in
Kurdistan, den ich bis heute gesehen habe, ist mein Dorf Ziver.
Vielleicht gibt es viele schöne Orte, aber für mich, die dieses Land
kaum gesehen hat, ist Ziver (Akbulut) etwas ganz besonderes. Der
Kospi, der Murat-Fluß, ...Das Wasser, die Gärten, die Almen ...Wo
sich der Berg mit dem Wasser, die Menschen mit der Erde, Grün mit
Rot, die Freiheit mit der Liebe, Seyh Sait mit einen Enkeln, Cewlik
mit Larput vereinigen. Ich habe kein Dorf und keinen Ort gesehen,
der ganz so aussah wie Ziver. Aber ich sehe immer wieder Teile davon.
Das ist manchmal ein
Eichhörnchen, manchmal ein Maulbeerbaum. Manchmal ein Sorgul-Baum,
manchmal eine Eiche, manchmal eine Pappel, manchmal Heidekraut,
manchmal "Vitlik", manchmal fern, manchmal nah, manchmal Traum,
manchmal Wirklichkeit, manchmal Akdag, manchmal Murat. Aber am Ende
ist doch überall ein Teil von Ziver.
"Landwirt
Guerilla"
Das erste Beispiel für
Landwirtschaft in der Geschichte der Partei gibt Lolan, an die man
sich kichernd erinnert und auch erinnern wird. Die Kräfte nicht in
den Kampf schicken, sondern sich mit Landwirtschaft und Gemüsegärten
beschäftigen lassen! Wenn jemand sagte: "Bei der Guerilla wird auch
Feldarbeit geleistet", glaubten die meisten das natürlich nicht.
Aber hier ist er, unser kleiner Gemüsegarten: Tomaten, Paprika,
Gurken usw. -und die Feldarbeiter! Eine Arbeit für die, die
außerhalb des Kampfes geblieben sind. Beschämt und lustlos
verrichten sie die Arbeit.
"Beta"
Ihr habt euch sicher
gewundert, was die Berge durch die Guerilla nicht alles bekommen.
Durch die Guerilla ist für die meisten türkischen
Lebensmittelprodukte ein neuer Markt entstanden. Und einige Gruppen
wie die KDP sind Zwischenhändler. Neben mir steht eine leere 20 Kg
Dose der Margarinenmarke "Beta". Wer weiß, aus welcher Fabrik die
kommt.
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