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Der Kampf um den Kurê Jahro-Von Pelda Alman

Der Kampf um den Kurê Jahro

Von Pelda Alman

Die Auseinandersetzung am Kurê Jahro begann im Spätherbst ‘97. Zum zweiten Mal in diesem Jahr waren türkische Truppen nach Südkurdistan eingedrungen. Die gemeinsam mit der KDP durchgeführte riesige Operation der türkischen Armee im Frühjahr war erfolglos.
In dieser Situation überfiel die KDP unter anderem mit Panzern das Krankenhaus in Erbil. Sie ermordete dort viele verletzte Freundinnen und Freunde, die sich mit einer Entschlossenheit und Selbstlosigkeit zur Wehr gesetzt hatten, die nur als heldenhaft bezeichnet werden kann.
Jetzt, im Herbst, waren Freundinnen aus dem ganzen Kampfgebiet zusammengezogen worden, um an einer speziellen Ausbildung für Kommandantinnen teilzunehmen. Ich selbst war mit einer Gruppe aus Botan gekommen. In der YAJK-Zentrale traf ich viele Freundinnen wieder, die ich lange nicht gesehen hatte, auch Heval Farasin. Ich kannte sie aus der Parteischule. Von dort aus waren wir vor zwei Jahren gemeinsam in die Berge gegangen. Damals war sie meine Kommandantin. Schon auf dem Weg hatte sie gezeigt, daß sie trotz ihrer Jugend, damals war sie 17, die Erfahrung und die Kraft hat, eine gute Kommandantin zu sein. Der Weg war hart, viele waren neu und es war eine Phase des heißen Krieges. Den ganzen Weg über gab Heval Farasin allen Freundinnen Zuversicht und Energie, zeigte durch ihr eigenes Vorbild, daß Frauen ihre Armee mit Willenskraft und Glauben an den Erfolg aufbauen. Natürlich habe ich mich sehr gefreut, meine junge Kommandantin wiederzusehen. Der Unterricht begann. Viele Freundinnen aus Botan, Garzan und Zagros hatten das erste Mal Gelegenheit, an einer Kommandantinnenschulung von Frauen für Frauen teilzunehmen. Sofort entstand eine starke fröhliche Gemeinschaft, viele lebhafte Diskussionen.

Als die neue Operation der türkischen Armee begann, mußte der Unterricht erstmal eingestellt werden und wir bezogen unsere Stellung auf dem Kurê Jahro. Ich war froh, in einer Gruppe mit so starken Kommandantinnen zu sein. Im Krieg ist das Wichtigste das Vertrauen in die Kommandantin. Ist sie entschlossen und stark, kann der Feind ins Leere gelaufen lassen und besiegt werden.

In Zap war das Hauptquartier, viele hundert Freunde und Freundinnen waren dort zusammengezogen. Damit alle Kräfte sich zurückziehen konnten, mußten die umliegenden Berge gehalten werden. Der Bihar-Berg, Sikefte Birindar und der Kurê Jahro. Als unsere Einheit auf dem Kurê Jahro ankam, hatte schon eine andere Einheit begonnen, mit der KDP zu kämpfen. Die KDP wurde von der türkischen Armee mit F16-Jets unterstützt, die fast pausenlos Einsätze flogen. Schon am ersten Tag mußte die KDP empfindliche Schläge einstecken und zog sich dann am zweiten Tag unter hohen Verlusten zurück. Gleichzeitig waren der Bihar-Berg und Sikefte Birindar umkämpft. Die Freundinnen auf dem Sikefte Birindar mußten sich zurückziehen. Dabei ist unsere Freundin Herekol gefallen. Wir waren im Frühjahr 96 zusammen in Haftanin in der Einheit von Heval Meryem gewesen; damals kurierte Heval Herekol eine Verletzung aus, die sie sich bei Gefechten im Cudi-Gebirge zugezogen hatte. Herekol war inzwischen Kommandantin geworden, und alle sagen über sie, sie hätte die Kraft gehabt, eine große Kommandantin zu werden.

Unsere Situation auf dem Kurê Jahro war zunächst gut. Der Feind hatte sich vorerst zurückgezogen. Wir hatten drei Einheiten, die abwechselnd nach vorne in den Kampf gingen. Die anderen waren dann jeweils dafür zuständig, Wasser und Lebensmittel aus dem Tal zu holen, was sehr kräftezehrend war. Obwohl der Sommer fast zuende war, gab es jedoch immer noch Schnee in einigen tiefen Höhlen, in die wir hinabkletterten und dann große Schneeblöcke herausschnitten und schmolzen. Die Berge sind eben unsere Freunde, die uns schützen und uns versorgen. Auf dem Bihar-Berg kam der Feind nicht voran. Auf dem Kurê Jahro versuchten es jetzt türkische Spezialeinheiten. Sobald es hell wurde, begann der Angriff mit Jets und Granatwerfern. Bald lag fast kein Stein auf diesem riesigen Berg mehr da, wo er vorher lag.

Am nächsten Tag soll unsere Einheit nach vorne gehen. Heval Sozdar, eine hohe YAJK Kommandantin, kommt, um mit uns zu reden. Wir sollen uns so gut wie möglich schützen, bei jedem Mörserangriff sofort in sichere Felsspalten gehen, Feuer sind nur noch tagsüber erlaubt, damit der Feind uns nicht sieht. Bei der Eiseskälte inzwischen ist das hart, aber notwendig. Farasin und Silan wollen sich freiwillig für den nächsten Kampfeinsatz melden. Heval Sozdar warnt davor. Farasin ist ungeduldig, ihre Begeisterung für den Kampf erscheint ihr noch zu unhinterfragt. Heval Sozdar sagt, sie sollen auf sich aufpassen, sie haben große Verantwortung im Aufbau der Frauenarmee; der Angriff ist ehrenvoll, aber nicht immer die wichtigste Aufgabe, die eine Kommandantin übernehmen kann. Als es dunkel wird, gehen wir los. Die andere Einheit kämpft nur wenige hundert Meter vor uns. Die Kugeln zischen über unsere Köpfe. Heval Farasin, Heval Berivan, Heval Adar und Heval Ayten werden im Morgengrauen nach vorne gehen, zusammen mit Kräften aus den Männertaxims. Wir richten ein Nachtlager her, damit die Freundinnen noch ein Paar Stunden schlafen können, bevor sie losgehen. Wir geben ihnen die besten Schuhe, die besten Waffen, die wir haben. Alle persönlichen Dinge verteilen sie auf die anderen Freundinnen. Heval Farasin singt ein Lied. Es ist das Lied über den Märtyrer Heval Mordem, der ‘95 im KDP-Krieg gefallen ist. Heval Farasin hat eine schöne Stimme. Sie kann es kaum erwarten dem Feind entgegen zu gehen.

Mit dem ersten Licht gehen die Freundinnen los. Wir bleiben zurück. Der Kampf ist sehr nah und ununterbrochen kommen Jets und Mörsergranaten. Wir müssen uns in Felsspalten zurückziehen. Der Feind wird zurückgeschlagen. Wir hören über Funk, daß Heval Adar am Bein verletzt ist. Sie wird von einigen Freundinnen zu einer provisorischen Krankenstation gebracht. Gegen Mittag kommt die schreckliche Nachricht, daß Heval Farasin gefallen ist, sie wurde von einer Kugel getroffen.
Uns bleibt keine Zeit zu trauern, denn der Platz an dem wir uns befinden, wird mit Granaten eingedeckt. Wir quetschen uns in enge Felsspalten, große Granatteile fliegen herum. Heval Sinda, meine Mangakommandantin, schickt mich und Heval Sozdar, eine junge Freundin, zur Küche. Wir sollen den Freunden dort helfen, Schnee zu Wasser zu schmelzen und Brot zu backen, damit die FreundInnen, wenn sie zurückkommen, etwas zu essen haben. Das ist nichts ungewöhnliches: Wir müssen unser Essen selbst herstellen, während die Soldaten der türkischen Armee ihre Lebensmittel mit Hubschraubern gebracht bekommen. Aber auch sie sind in Bedrängnis: Nachdem die Freunde im Frühjahr in diesem Gebiet vier Hubschrauber abgeschossen haben, wagt es die Armee kaum mehr, welche einzusetzen. Als die Freundinnen zum Küchenplatz kommen, hören wir eine weitere schlimme Nachricht: Eine Mörsergranate ist inmitten einer Gruppe von Freundinnen explodiert. Heval Canda ist gefallen, Heval Silan ist ein Bein abgerissen worden, Heval Aysel, die gerade den langen Weg aus Garzan gekommen ist, wurde am Fuß verletzt. Heval Canda war eine türkische Freundin, die ebenfalls in unserer Gruppe in der Parteischule war. Als wir damals unsere militärische Ausbildung bekommen hatten, waren wir in derselben Unterrichtseinheit; sie war Mangakommandantin. Zuletzt hatte sie die Aufgabe der Takimkommandantin in der Unterrichtseinheit der YAJK. Heval Canda war in den türkischen Metropolen aufgewachsen und hatte sich als Internationalistin der YAJK angeschlossen. Da sie in ihrem Zivilleben studiert und auch die Chance hatte, in der Parteischule an theoretischen Schulungen teilzunehmen, war es ihre Aufgabe, die Freundinnen ideologisch und politisch weiterzubilden. Militärisch hatte sie noch keine Erfahrung sammeln können. Sie war hier auf dem Kurê Jahro das erste Mal in einer kämpfenden Einheit.

Gegen Abend, als es dunkel wird, kommen alle Freundinnen zurück, die Kampfhandlungen sind erstmal eingestellt. Die Verluste des Feindes sind hoch, aber auch wir haben noch weitere Verluste. Heval Silan hat sich, als es dunkel wurde, den Verband an ihrem Bein geöffnet und ist verblutet. Sie wollte so nicht weiterleben. Ihre letzten Worte waren: “Ich hätte so gerne noch den Serok gesehen und Felat.” Felat war ihr Bruder, der sich schon vor ihr der Guerilla angeschlossen hatte. Auch Silan war Taximkommandantin, genau wie Heval Farasin und Heval Canda. Drei Taximkommandantinnen hat die YAJK verloren. Silan war in unserer Gruppe aus Botan gekommen. Wir waren lange zusammen. In Mardin ist sie Kommandantin einer gemischten Taxim gewesen. Im Sommer kam sie nach Beytüssebab, von dort aus wurde sie nach Süden geschickt, um an der Kaderschulung teilzunehmen. Gerade in der letzten Nacht war sie mir noch behilflich, als ich in der Dunkelheit den Platz der Männer nicht gefunden hatte, um sie zur Wache zu wecken. Es war einer ihrer Charakterzüge, daß sie die eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund gestellt hat, um anderen zu helfen. Wir ziehen uns nachts ins Tal zurück. Die Aufgabe auf dem Kurê Jahro ist beendet. Der Feind mußte solange aufgehalten werden, bis die großen Gruppen im Tal sich zurückgezogen haben. Der Plan des Feindes, alle Kräfte, die sich in Zap aufhalten, in die Enge zu treiben und zu vernichten, ist nicht aufgegangen. Alle Kräfte konnten sich zurückziehen. Der Stellungskrieg, der hier die letzten Tage geführt wurde, ist nicht die Art der Guerilla. Gegenüber der technischen militärischen Ausrüstung, mit der der Feind bestückt ist, hat die Guerilla so kaum eine Chance. Aber trotz seines enormen Technikeinsatzes, hat der Feind viele Tage gebraucht, um vorzurücken; er hat hohe Verluste einstecken müssen. Die KDP hatte überhaupt keine Chance, sich auf dem Kurê Jahro durchzusetzen. Der Berg ist völlig verwüstet. Der Hagel der Mörsergranaten geht unvermindert weiter. Am nächsten Morgen wird noch Heval Ayten am Bein verletzt. Sie ist nur wenige Meter von der schützenden Höhle von einem Granatsplitter am Bein getroffen worden. Sie schreit furchtbar. Zum Glück sind Ärzte da, die sich sofort um einen Verband kümmern. Heval Ayten ist Mangakommandantin. In Haftanin ist sie meine Kommandantin gewesen. Lange war sie mit Heval Herekol zusammen. Der Platz, an dem wir uns aufhalten, steht unter Dauerfeuer, deshalb schleichen wir uns beim Dunkelwerden hinunter ins Tal. Die Verletzten sind dort ebenfalls in einem provisorischen Krankenhaus untergebracht. Den ganzen Tag kauern wir in engen Höhlen, weil die türkische Armee ihre ganze Technik gegen uns einsetzt. Ohne Unterbrechung werden Luftangriffe geflogen, fast pausenlos werfen Jets Bomben über dem Gebiet ab. Die Bomben können nichts ausrichten, denn wir sind in unseren Höhlen geschützt, ihre Wirkung ist eher psychologischer Natur. Sie wollen ihre technische Übermacht demonstrieren, uns ängstigen. Aber jede von uns ist schon oft in einem solchen Bombenhagel gewesen und kennt die Wirkungslosigkeit der Jets. Sie zerstören zwar die Natur, aber nicht unsere Moral.

Nachts kommt der Befehl, daß sich alle zurückziehen sollen; der Kampf um das Zapgebiet ist vorbei. Der Winter steht vor der Tür, bald wird der erste Schnee fallen. Die Soldaten werden sich hier nicht lange halten können. So oft sind sie schon hier eingedrungen und mußten dann wieder gehen. Ihr Ziel ist, Gebiete zu besetzen und dann der KDP zu übergeben, aber die KDP hat keine Kampfkraft, sie kann sich gegen die PKK trotz ihrer militärischen Ausstattung und der finanziellen und militärischen Hilfe der zweitgrößten Natoarmee nicht einen Tag gegen die PKK behaupten. Die Operationen der türkischen Armee laufen so trotz größtmöglichem Aufwand immer wieder ins Leere. Wir ziehen uns im Dunkeln in Richtung Zagros zurück. Dabei wird ein großer Fehler begangen. Das Krankenlager wird auf Befehl des Gebietskommandanten in einer versteckten Höhle zurückgelassen. Womit nicht gerechnet wurde, war, daß die Soldaten Spürhunde einsetzen. Wir hören die grauenhafte Bilanz des darauf folgenden Massakers zwei Tage später: Heval Ayten und Heval Zelal haben sich mit Handgranaten selbst das Leben genommen, um dem Feind nicht in die Hände zu fallen, Heval Sosin, die bei den Verletzten geblieben war, um diese zu versorgen, konnte mit Heval Adar fliehen, aber es ist nicht klar, ob sie sich retten konnten. Heval Aysel wurde von einer Miliz gerettet, sie konnten entkommen. Heval Amed und Heval Peyman haben allein gegen die Soldaten gekämpft und konnten sie so etwas aufhalten, bis die anderen weg waren. Heval Peyman war am Arm verletzt, Heval Amed an beiden Augen. Als die Soldaten kamen, hat er sich die Binde von den Augen genommen und sich ihnen entgegengestellt. Peyman und Amed konnten sich retten. Amed wird in die Parteischule gehen, damit sein Augenlicht gerettet werden kann. Der Verlust der verletzten Freundinnen ist für uns ein schwerer Schlag. Alle machen sich Vorwürfe, daß die Entscheidung des Kommandanten, das Krankenlager nicht zu evakuieren, akzeptiert worden war.

Zwei Tage später sind die Soldaten abgezogen. Nur noch Berge von Plastikmüll und die Zerstörung der Natur ist geblieben. Unter dem Befehl von Heval Sozdar werden die verschiedenen Frauentaxims zusammengezogen, um eine neue Einheit aufzubauen. Der Winter kommt mit starken Regenfällen. Wir nennen unsere Einheit “Sehit Farasin”. Die Einheit wird die stärkste Fraueneinheit, in der ich bisher war. Obwohl wir alle von den Strapazen der Auseinandersetzungen mitgenommen sind, wird sofort voller Energie mit der Arbeit begonnen. Eine Höhle wird eingerichtet, Lebensmittel aus umliegenden Depots zusammengetragen, alle arbeiten mit unglaublicher Kraft und Solidarität zusammen.

Erst im nächsten Jahr wurden die Leichen von Heval Sosin und Heval Adar gefunden. Heval Sosin war eine sehr starke Freundin aus Mardin, die schon seit ‘89 in der Guerilla gekämpft hat. Sie ist lange in Botan Kommandantin gewesen. Sie hatte mir immer wieder viel geholfen bei meinen vielen Schwierigkeiten und keine hat soviel gelacht wie Sosin. Heval Adar war aus Serhat, wo sie lange gekämpft hatte. Dort war sie mit ihrer jüngeren Schwester beigetreten. Einen Monat später traf ich ihre Schwester Silan in Metina. Sie sehen sich so ähnlich.

Herekol  Farasin  Canda  Silan  Ayten  Zelal  Sosin  Adar

Niemals werden wir die Freundinnen vergessen, die im Kampf um den Kurê Jahro gefallen sind. Aus den Fehlern, die in dieser Operation gemacht wurden, werden wir lernen. Die YAJK hat viele wertvolle Kommandantinnen verloren, in ihrem Sinn wird die YAJK weiter aufgebaut. Ihr Tod ist eine Verpflichtung für uns, den Kampf weiterzuentwickeln, niemals zurückzuweichen.

           


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